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Als Darmstädterin komme ich auf dem Weg zum Hauptbahnhof unweigerlich an der Klause vorbei. Das ist ein gemeinschaftlich genutzter Garten der „Initiative Essbares Darmstadt“ und ein wahres Paradies im urbanen Bahnhofsviertel: ein Teich, rankende Kletterpflanzen, Gewächshäuser, Tomaten- und Paprikastauden mit viel Platz dazwischen für Kreativität, Gespräche oder ein Getränk im Schatten der Obstbäume. Diese grüne Insel haben Menschen geschaffen, die ihre Stadt lebenswerter und nachhaltiger gestalten wollen. Durch dieses Projekt wirken sie an der Umgestaltung des öffentlichen Raumes mit und tragen dazu bei, ihre Gemeinde zukunftsfähig zu machen. Denn kreative Lösungen und neue Wege sind nötig, um den uns zur Verfügung stehenden Raum optimal zu nutzen. Und überhaupt ist es ja die Frage: Was genau macht Städte lebenswert? Wozu sind sie eigentlich da und wie müssen sie aussehen, um fit für die Herausforderungen der Zukunft wie den Klimawandel und die wachsende Weltbevölkerung zu sein?

Gesunde Stadtplanung

Der Stadtplaner Carlos Moreno liefert einige Antworten: Sein Konzept heißt „ Viertelstundenstadt “, was bedeutet, dass die Einwohner:innen alle Grundbedürfnisse innerhalb von einem 15-Minuten-Radius erfüllen können – zu Fuß, mit dem Fahrrad, per Rollstuhl oder mit dem ÖPNV. Diese Grundbedürfnisse lassen sich sechs Bereichen zuordnen:

–  Leben (bezahlbarer Wohnraum in schöner Umgebung)
–  Arbeiten (kurze Pendelwege)
–  Versorgung (Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe)
–  Bildung (Schulen und Kindergärten)
–  Gesundheitsversorgung (Haus- und Kinderarztpraxen im Wohnviertel)
–  Entfaltung (kulturelle Angebote und Begegnungsräume)

Laut Moreno leben Menschen, die all diese Bedürfnisse innerhalb von 15 Minuten decken können, besonders glücklich. Natürlich spielen auch Umweltfaktoren wie saubere Luft, Barrierefreiheit und Lärmbelastung eine Rolle. Es gibt verschiedene Ansätze, diesen Ansprüchen gerecht zu werden und die Urban Community Transformation anzustoßen.

Privat oder staatlich

Paris, Kopenhagen oder Barcelona machen ihre Innenstädte mithilfe von Gesetzen gezielt autofrei, um mehr Platz für Fahrräder zu schaffen. Denn weniger Autoverkehr verbessert nicht nur die Luftqualität, er stärkt auch den Einzelhandel, da man zu Fuß eher einen Zwischenstopp auf dem Markt oder im Café um die Ecke einlegt – das zeigen auch Untersuchungen wie die von Sozialwissenschaftler Dr. Dirk von Schneidemesser vom Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam. Die freigewordenen Parkflächen lassen sich zur Stadtbegrünung, zu Wohnraum oder sogar zur Lebensmittelproduktion wie in Andernach umnutzen.

Andernorts nehmen große Unternehmen Stadtentwicklung selbst in die Hand und gründen ganze Siedlungen, um ihre Visionen zu leben und neue Technologien zu testen. Ein Beispiel ist Woven City in Japan, wo Toyota seit 2021 eine Corporate City baut, um KI-gestützte Mobilität zu entwickeln. Auch Panasonic hat sich mit seiner Musterstadt Fujisawa Sustainable Smarttown in Japan niedergelassen. Hier wird das Leben auf den Lifestyle der Bewohner:innen abgestimmt. In solchen Laborstädten lassen sich Ideen für die urbane Transformation im kleinen Rahmen testen.

Smart City

Um die richtigen Entscheidungen für die eigene Stadt zu treffen, bietet es sich an, wichtige Faktoren mithilfe eines digitalen Zwillings abzubilden. In einer virtuellen Kopie der Stadt können Verkehrsströme und die Auslastung von öffentlichen Plätzen leicht analysiert werden. Intelligente Messstationen, Kameras und Sensoren liefern Daten über die Gefahrenquellen der Stadt wie schlechte Luftqualität oder Hochwasser. Basierend auf diesen Analysen lassen sich innovative Lösungen planen: Laternen als Ladestationen, Haltestellen an zentralen Punkten, effizientes Wassermanagement und Spielplätze, wo sie gebraucht werden.

Im Projekt Future Living Berlin testen 90 Wohneinheiten in einem Quartier mit zehn Gewerbeeinheiten seit 2020 das Leben von morgen: Energie wird mit Fotovoltaik vor Ort produziert, alle Türen öffnen sich per Chip, es gibt gemeinschaftlich genutzte Räume und Grünflächen sowie ein lokales Carsharing-System. Anhand der Nutzung der Angebote während der Testphase ermitteln private und städtische Anbieter, wie modernes Wohnen funktioniert und wie es sich skalieren lässt.

Gemeinsam Ressourcen schonen

Doch können wir nicht unsere heutigen Städte, so mangelhaft sie auch sind, einfach abreißen und neu bauen. Die Ressourcenverschwendung wäre enorm, denn für jeden Hausbau wurden bereits Energie und Materialien aufgewendet. Daher heißt die Devise: Renovieren statt Abreißen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt uns außerdem, wie Zusammenleben auf engem Raum am besten funktioniert: Historische Stadtkerne sind Mehrzweckräume, in denen Wohnen, Arbeiten, Kultur und Einkaufen am selben Ort stattfinden. Einseitig genutzte Areale wie Einkaufsstraßen und Industriegebiete schaffen dagegen kaum Platz für Begegnung und erzeugen lange Wege.

Am Beispiel der Alten MU Kiel sehen wir, wie ressourcensparendes Zusammenleben aussehen kann: Unter dem Dach der ehemaligen Kunsthochschule ist ein kreatives Dorf in bester Citylage entstanden. Veranstaltungsräume und Gruppenarbeitsplätze, Fotostudios, Werkstätten, ein Tauschladen und Restaurants gruppieren sich um einen grünen Innenhof. Im Moment wird auf dem Gelände zusätzlich Wohnraum für rund einhundert Menschen angelegt.

Wer nicht warten will, bis die eigene Gemeinde sich für eine gesunde und sinnvolle Stadtnutzung einsetzt, kann selbst aktiv werden. Ob in einem Wohnraumprojekt, einem Gemeinschaftsgarten , als Fahrradaktivistin oder in der lokalen Kulturszene – die Stadt gehört ihren Menschen und sollte sich an deren Bedürfnissen orientieren. Ich jedenfalls habe Lust, bei meinem nächsten Besuch in der Darmstädter Klause neue Leute kennenzulernen, Unkraut zu zupfen und eine Tüte Saatgut mitzunehmen. Bereit für die Transformation von unten!

 

 

 

Text: Laura Finckh
Header: Adel & Link HIVE Studios
Bilder: Unsplash – Steve Adams, Nerea Marti-Sesarino, my-life-through-a-lens, Priscilla Du-Preez, Markus Spiske